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Mittwoch, 22 Dezember 2010 14:36

Was ist eine Komplementärwährung?

geschrieben von 

Bemerkenswert ist, dass jeder x-beliebige Gegenstand zum Zahlungsmittel werden kann, wenn es Menschen gibt, die sich darauf verständigen. An die Stelle eines Tausches von Ware gegen Ware (Mehl gegen Wurst z.B.) tritt die Vereinbarung, in einem Verbund von darauf verabredeten Menschen Knöpfe als gemeinsame Währung zu verwenden. Wenn es sichergestellt ist, dass mehr als zwei Handelspartner die Knöpfe als Zahlungsmittel akzeptieren, ist eine komplementäre Währung entstanden.

Was eine komplementäre Währung ist, lässt sich auch durch folgendes Beispiel verstehen: Nehmen wir an, Sie waren im Urlaub in den USA und haben nach Ihrer Rückkehr noch ein paar Dollarnoten übrig. Jetzt gehen Sie zuhause in Deutschland einkaufen und Ihr Bäcker akzeptiert die US-Dollar als Zahlungsmittel für das Brot und die Brötchen, die Sie bei ihm kaufen. Dann sind die US-Dollar eine komplementäre Währung, weil sie als Ergänzung zur Landeswährung Euro als Zahlungsmittel akzeptiert wurden. Immer dann, wenn neben der Landeswährung eine andere Währung - ob es Knöpfe oder US-Dollar sind – akzeptiert wird, sprechen wir von einer komplementären Währung.

Nun verbreiten sich nichtstaatliche Komplementärwährungen immer mehr. Weltweit finden sich immer mehr Menschen in Gemeinschaften zusammen, in denen sie - ob als Gewerbetreibende oder Verbraucher - ihr eigenes Geld in den Umlauf bringen. Eine charmante Lösung für viele Probleme, denn jede „Währungsgemeinschaft“ kann das eigene Geld auch mit besonderen Eigenschaften versehen und auch dafür möchte ich Ihnen hier sogleich drei Beispiele geben:

-Die meisten nichtstaatlichen Komplementärwährungen basieren auf der Regel, dass keine Verzinsungen von Guthaben stattfinden und „Darlehen“ gegen Zinsen verboten sind. Durch diese sehr einfache und elementare Regel sind Spekulationsgeschäfte prinzipiell ausgeschlossen.

-Es ist bei so genannten leistungsgedeckten Währungen (die man im Unterschied zum eurogedeckten Regiogeld nicht für Euros kaufen oder verkaufen kann) möglich, einen gewissen Teil, z.B. zehn Prozent der Umlaufmenge für besondere Zwecke zu verschenken. In anthroposophischen Kreisen spricht man diesbezüglich vom „Schenkgeld“, das im Falle der leistungsgedeckten Komplementärwährung natürlich wesentlich einfacher verfügbar ist, als wenn Schenkgeld aus einer Euroliquidität abfließt. Eine leistungsgedeckte Komplementärwährung kann prinzipiell festlegen, dass ein bestimmter Teil der (festgelegten) Umlaufmenge sinnvoll verschenkt wird. Ein komplementäres Währungssystem kann auf diese Weise zum Beispiel gemeinnützige Vereine fördern oder Künstlern Stipendien gewähren, aber natürlich sind auch kommunale Aufgaben (Sportvereine, Kindergärten usw.) mögliche Adressaten des Schenkgeldes. Darüber entscheiden die PartnerInnen im System selbst.

-Die beteiligten Händler werden nach festgelegten Kriterien ausgewählt und zur Teilnahme eingeladen. So können „Preisbrecher“ und „Billiganbieter“ ausgeschlossen bleiben, deren Geschäftsgebaren nur auf kurzfristige Gewinnmaximierung auf Kosten gewachsener, regionaler Wirtschaftsstrukturen aufbaut. Eine Komplementärwährung kann auf diese Weise gezielt Wirtschaft mitgestalten, in dem bestimmte AnbieterInnen gefördert und andere ausgeschlossen werden. Über kurz oder lang entwickelt sich so möglicherweise sogar ein eigenes Qualitätslevel für am Verbund beteiligte Gewerbetreibende.

An diesen Beispielen können Sie sofort erkennen, welche Möglichkeiten zu aktiver Gestaltung der regionalen Wirtschaft durch eine nichtstaatliche Komplementärwährung verfügbar werden und wie sinnvoll es ist, sich als Verbraucher oder Gewerbetreibender an einem solchen Vorhaben zu beteiligen, denn es bietet die Gelegenheit, in aktivem Mitgestalten umzusetzen, was man sich als Leitlinien einer gerechten, solidarischen Wirtschaft selbst wünscht. Das geht im staatlich verwalteten Geldsystem nur bedingt und indirekt.

Die Währung selbst kann für die Mitglieder des Verbunds leicht zu erhalten sein, indem man zum Beispiel das Prinzip der Tauschkreise nutzt, um den Zugang von Neumitgliedern zu gestalten. Diese bekommen ein Startguthaben und können sich durch eigene Angebote und Nachfragen in den Verbund hinein tauschen. Dabei spielt eine zentrale Rolle, dass jeder Mensch irgendetwas kann und genau dafür irgendwo auch eine Nachfrage vorhanden ist. Ob es gekonnte Handwerkerleistungen sind oder „nur“ die Einkaufshilfe ist dabei im wahrsten Sinne des Wortes gleichgültig. Die Ausgrenzung von Menschen, deren Fähigkeiten im Markt für bezahlte Arbeitsleistungen nicht nachgefragt werden, kann auf solchen Wegen gemildert, wenn nicht sogar aufgehoben werden. Durch eigene Tauschaktivitäten erworbene Währungseinheiten können zum Beispiel dafür verwendet werden, das Bild einer Künstlerin zu kaufen, die ihrerseits die erhaltenen Währungseinheiten beim „normalen“ Einkauf verwendet. Das der Kreis von privaten Tauschvorgängen zu gewerblichen Angeboten auf der Basis einer Komplementärwährung leicht zu schließen ist, eröffnet ganz neue Dimensionen der Wertschöpfung – im wahrsten Sinne des Wortes!

Komplementärwährungen ermöglichen es in einzigartiger Weise, die Fähigkeiten aller Menschen in einen sozialen Kontext zu stellen, der ansonsten von der Macht der Landeswährungen abgeriegelt ist. Überdies lassen sich durch eine Komplementärwährung die private Tauschwelt und die gewerblich organisierte Konsumwelt so miteinander verbinden, dass insbesondere die finanzielle Situation von all den Menschen aufgewertet werden kann, die ansonsten nur über ein niedriges oder gar kein Einkommen verfügen. Das auf diese Weise das wirtschaftliche Klima einer ganzen Region nachweislich und merklich verbessert werden kann, konnte im Laufe der Zeit durch zahlreiche Studien belegt werden, die weltweit vor dem Hintergrund verschieden lang bestehender Komplementärwährungen erstellt wurden. Auch an dieser Stelle sei nochmals auf das Buch „Das Geld der Zukunft“ von Bernard Lietaer verwiesen, wo komprimiert und überschaubar über solche Erfahrungen ausführlich berichtet wird.

 

Komplement, nicht Ersatz

Komplementärwährungen sind – wie der Name es schon sagt - immer „nur“ eine Ergänzung einer jeweils üblichen Landeswährung. Mehr (aber auch nicht weniger) können und wollen sie nicht sein. Das hat verschiedene Gründe, deren hervorragendster natürlich der ist, dass für die komplementäre Währung zunächst nur ein eingeschränktes Angebot an Waren und Leistungen besteht und auch langfristig immer auch solche Bereiche bestehen bleiben werden, in denen die Landeswährung wenigstens zum Teil eine Rolle spielen wird. Das hängt auch damit zusammen, dass man niemals alle Menschen eines Wirtschaftsraums dazu bewegen kann, die Komplementärwährung auch zu verwenden. Das muss aber auch nicht das Anliegen der Initiatoren einer ergänzenden Währung sein.

Komplementärwährungen werden also das „gewöhnliche“ Geld nie ganz ersetzen. Meistens kann nur ein bestimmter (prozentualer) Teil eines Preises mit der ergänzenden Währung beglichen werden. Das bedeutet, das Umsätze in Komplementärwährung meistens auch solche in Landeswährung sind. Die Einnahme der Zahlungsmittel ist eben zu einem festgelegten Anteil gemischt. Dieser Effekt kann auch sehr willkommen sein, indem zum Beispiel Verbraucher Zugang zu sonst möglicherweise unerschwinglichen Konsumgütern erhalten und Gewerbetreibende nur soviel Komplementärwährung einnehmen, wie sie selbst auch wieder verbrauchen können. Komplementärwährungsgeschäfte fördern also auch immer Eurogeschäfte und das ist so auch gewollt.

 

Leistungsdeckung

Komplementäre Währungen in dem Sinne, wie wir sie verstehen, sind ausschließlich durch die Leistungen ihrer Nutzer gedeckt. Es gibt zum Beispiel keine Rücklagen in Euro, gegen die die Komplementärwährung eingetauscht werden könnte. Der Moment, in dem sich ein Mensch den Verbund anschließt und eigene Leistungszusagen macht oder Angebote einbringt, ist der Fiatprozess der Umlaufmenge der Währung. Auf die Teilnahmezusage eines Fachgeschäftes beispielsweise und die damit verbundene Aussage eines Annahmesatzes, der festlegt, zu welchem Teil eines Preises die Komplementärwährung akzeptiert wird, folgt die Erhöhung der maximal umlaufenden Geldmenge. Die Regel, in welcher Höhe die Erhöhung der maximalen Umlaufmenge in einem solchen Augenblick stattfinden kann, ist von den Initiatoren der Komplementärwährung vorher festgelegt worden. Dieses Prinzip, das fortlaufend aufmerksam überwacht und überprüft werden muss, ist zugleich die „Stellschraube“ mit der die Risiken von Inflation und Deflation gesteuert werden können, die natürlich auch in einer noch so kleinen Währung eine Rolle spielen.

Das Prinzip der Leistungsdeckung ermöglicht aber auch, sich von einer starken Illusion zu befreien, die dem gewöhnlichen Geld anhaftet, und die darin besteht, dass Geld an sich etwas wert sein könnte. Das aber ist nicht wahr, denn faktisch ist es bei jeder Währung so, dass der Wert jeden Geldes immer erst in dem Augenblick entsteht, in dem das Zahlungsmittel als Vergütung für eine Ware oder Leistung anerkannt wird. Es ist enorm wichtig, dies in aller Deutlichkeit zu erkennen. Der Wert einer Währung hängt immer an einem Vertrauensakt, der im Zahlungsvorgang vollzogen wird. Vertrauen kann man aber nicht fordern. Kein Vertrag, keine Regierung oder Armee könnte den auf Geld bezogenen Vertrauensakt garantieren. Er ist und bleibt immer ein sensibler Vorgang, der als solcher erkannt und behütet werden muss, wenn der Gebrauch von Geld nicht in irgendwann tatsächlich weltweite Katastrophen münden soll. Hier, bezogen auf die mögliche Erkenntnis und bewusste Handhabung des auf das Geld bezogenen Vertrauensaktes, kommt einer Komplementärwährung eine hohe, sehr weitgehende Bedeutung für das Zusammenleben und Wirtschaften der Menschen zu.

Aber eben nicht nur für Komplementärwährungen gilt das hier Beschriebene, sondern auch der Euro ist faktisch auch nur durch Leistung gedeckt. Der Euro ist ebenfalls eine Fiatwährung, da auch er irgendwann einmal auf der Grundlage der „Währungshüter“ geschaffen wurde. Dieser Prozess war im Wesentlichen kein anderer, als der am Beginn einer jeden Komplementärwährung: Jede Währung beginnt mit der Verabredung zwischen Menschen, die die wichtigsten Regeln mit einander formulieren und die Umlaufmenge festlegen. Nur das diese Menschen beim Euro Vertreter von Staaten (und Banken) waren. Im Fall der Komplementärwährung sind es einfache Bürger, die unabhängig von ihrem Beruf oder ihrer gesellschaftlichen Stellung, also als freie Menschen handeln.

 

Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Komplementärwährungen“

ISBN 978-3-86931-836-3

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Gelesen 39541 mal Letzte Änderung am Dienstag, 28 Juli 2015 22:12
Peter Krause

Peter Krause (Krause-Keusemann) studierte Kunst, Pädagogik, Theologie und Betriebswirtschaft.  Als freier Journalist und Buchautor (seine Schwerpunkte sind die Wirtschaft und der medizinische Leistungsbereich) zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Verlagen.

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