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Sonntag, 02 Januar 2011 09:55

Frank H. Wilhelmi: Unternehmen aus Berufung

geschrieben von 

 

Viele Menschen würden gern einen Beitrag dazu leisten, die Welt ein bisschen besser zu machen, als es sie heutzutage schon ist. Ob man nun gewöhnlicher Verbraucher ist, oder ein Unternehmen gründen will, mit dem man eigene Ideen auch auf dem Feld der Wirtschaft umsetzen will – überall stellt sich die Frage danach, wie man überhaupt einen Einfluss auf den großen Gang der Ereignisse nehmen kann. Politikern gegenüber schwindet das Vertrauen immer mehr, mit Geld wird von einigen wenigen auf dem Rücken von vielen gehörig Schindluder getrieben.

PK: Wo kann man denn heute noch ansetzen, wenn man wirksam etwas anders machen will? Welche Möglichkeiten fallen Ihnen dazu spontan ein?

FW: Es gibt dafür beispielsweise das so genannte Lebensparlament, welches auf Nichtregierungsebene Ausschüsse usw. bildet, die denen der Regierungen entsprechen und die jeweils vor den Wahlen, den Bundestagswahlen zum Beispiel, der Öffentlichkeit ihre Alternativen vorstellen. Die Idee ist, dass dafür irgendwann der ehemalige Bundestag in Bonn genutzt wird. Man bemüht sich darum, herauszuarbeiten, wie die Zukunft des Lebens in Deutschland sein kann bzw. sein sollte. Da geht es ganz konkret auch darum wie selbstverwaltete Banken, Komplementärwährungen oder alternative Energiepolitik aussehen könnten. Das würde dann vor den Wahlen veröffentlicht, so dass die Menschen Alternativen sehen könnten, die von den herrschenden Parteien so gar nicht präsentiert werden.

PK: Das Lebensparlament ist also keine außerparlamentarische Opposition, sondern eher so etwas wie eine außerparlamentarische Entwicklungsabteilung. Das wäre ja eine Komplementär-Regierung, großartig wäre das! Und gibt es das schon? Treffen sich diese Leute schon?

FW: Ja, das gibt es schon. Es gibt in Berlin bereits regelmäßige Treffen der Initiatoren. Das Konzept des Lebensparlament ist öffentlich und sollte verbreitet werden, damit viele Menschen davon erfahren.

 

Das Lebensparlament …

versteht sich als Beitrag zum Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft und einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Es bietet eine Plattform für Bürger und Bürgerinnen, sich in einen Prozess der Gestaltung von Zivilgesellschaft einzubringen. Die Idee ist, zivilgesellschaftliche Parlamente zu errichten, in denen jenseits von Machtstrukturen und egozentrierten Interessensgruppen Lösungen für Themen gesucht werden, die uns alle gleichermaßen betreffen. In Fachforen sollen kompetente Bürgerinnen und Bürger mit den Mitteln egalitärer Konsensfindungsmethoden zu Leitlinien gelangen, die erstens als Grundlage des persönlichen Handelns dienen und zweitens als Forderung an die staatlichen Organe zur Umsetzung des Bürgerwillens vermittelt werden können.

In den vergangenen zwei Jahren hat eine Arbeitsgruppe aus kulturkreativen Unternehmerinnen und Unternehmern ein Konzept entwickelt, wie ein derart dem Leben verpflichtetes Parlament strukturiert sein und wie die Entscheidungsfindung vonstatten gehen könnte.

Während einer viertägigen Veranstaltung soll das Konzept in einem ersten Testlauf auf den Prüfstand, um Idee und Praxis anzunähern und die erarbeiteten Prozesse zu optimieren. Eine Auswahl von Fachforen, z.B. Mobilität, Gesundheit, Ökologie, Kunst oder Bildung, bieten hierzu eine themenbezogene Bühne, um zukunftsweisende Ideen aus ihren Bereichen zur Diskussion zu stellen und weiterzuentwickeln. Erfahrungen und Ergebnisse werden in einer interaktiven Vollversammlung in Zusammenhang gestellt und im Hinblick auf ihre Wechselwirkungen untereinander abgestimmt.

Die Verbindung und Zusammenschau von verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Räumen sowie die Erprobung von partizipatorischen Arbeitsstrukturen während der Veranstaltung sollen als Hilfe dienen, Impulse zur positiven Weiterentwicklung eines bürgerschaftlichen Engagements in das Umfeld der Teilnehmer weiterzutragen, Öffentlichkeitsarbeit zu implementieren und Entscheidungsträger anzusprechen. Bereits erfolgreich erprobte Modelle sollen zu Bildungs- bzw. Forschungsinitiativen und zur Gründung von Unternehmen ermutigen.

Das Lebensparlament ist von Anfang an als sich fortpflanzende Idee gedacht. Deshalb werden zu dieser Veranstaltung Partnergruppen aus dem europäischen Umland eingeladen. Insgesamt soll die Teilnehmerzahl 100 Personen nicht übersteigen. Die Hälfte davon wird voraussichtlich aus Polen, Tschechien und Österreich kommen. Womöglich wird der Radius aber auch auf ganz Europa erweitert.

Der größte Teil der Finanzierung der Praxistage soll über EU-Fördermittel sichergestellt werden. Zur Kofinanzierung benötigt das Lebensparlament weitere Zuwendungen in Form von Schenkgeld. Auch eine projektbezogene Mitarbeit ist möglich.

(Quelle: Webseite des Club of Budapest Deutschland e.V.)

 

Das gemeinsame Beraten ist der eine Aspekt. Wir wollen aber auch eine Bühne für die verschiedenen NGOs schaffen, wo die ganze Fülle der denkbaren Möglichkeiten in Erscheinung treten kann, aus dem nach und nach ein Gesamtkonzept von Zukunft, von Welt, von fairer Globalisierung hervorgehen kann.

Wir wollen aber auch die Bürgerbeteiligung stärken. Wir wollen Menschen einbeziehen, die nicht in NGOs organisiert sind, aber eine Idee, auch eine unternehmerische Idee, haben, für die sie sonst keine Anlaufstation finden. Das sind Menschen, die mit dem herrschenden Bankensystem nichts zu tun haben wollen oder auch keiner politischen Partei angehören. Solche Menschen, die wirklich gute Ideen vertreten, finden nicht so einfach Brücken zur Umsetzung dessen, was sie vorhaben. Wir vom Lebensparlament wollen genau da ansetzen, indem wir ihnen helfen, ihre Ideen zu verbreiten und schließlich auch umzusetzen.

Im Rahmen vom Lebensparlament treffen wollen wir so genannte Fachforen etablieren, die sich auch mit alternativen Banken, mit Komplementärwährungen und so weiter beschäftigen. Dort können diesbezügliche Ideen diskutiert und ausgearbeitet werden. In diese Fachforen können sich alle Ideenträger einbringen, um die eigenen Vorstellungen zu schärfen und weiter zu entwickeln. Im nächsten Schritt ist es auch möglich, das durch das Lebensparlament die Brücke zur Finanzierung geschlagen wird, nachdem die Idee entsprechend weiter entwickelt wurde. Man muss also nach diesem Prozess gemeinsamer Arbeit nicht wieder in das herrschende System zurück und dort Gefahr laufen, zu scheitern, sondern kann die notwendige Schritte unter Umständen auch gemeinsam weiter tun.

Dem Lebensparlament liegt die Idee zugrunde, Entwicklungen, die für die Menschen gut sind zu fördern. Dafür werden Wege gestaltet, auf denen jeder aus seiner Isolation heraustreten kann, der eine gute Idee hat, für die er sonst kein Gehör findet. Im Lebensparlament ist es auch möglich und beabsichtigt, dass sich die verschiedenen Bereiche miteinander abstimmen, Bezüge zueinander entdecken und gestalten. Wenn man zum Beispiel über erneuerbare Energien nachdenkt, kann man das eigentlich nur, wenn man zugleich auch über die Mobilität der Gesellschaft nachdenkt. Die verschiedenen Bereiche sind eben schon von Grund auf vernetzt. Indem man das entdeckt und aufgreift, wird es möglich, sich aus den beschränkten, abgegrenzten Perspektiven der Bundestagsausschüsse zum Beispiel zu lösen, wo in einem Ausschuss über Familienpolitik, im anderen über Hartz IV, im anderen über Integration beraten und entschieden wird. Da fehlt ein wesensgemäßes, organisches Zusammenwirken, obwohl die verschiedenen Bereiche sehr viel miteinander zu tun haben.

PK: Damit beschreiben Sie die Ist-Situation bezüglich der Regierungsarbeit wahrscheinlich ganz richtig. Da kann ich Ihnen sofort zustimmen. Aber die Absicht der Politikerinnen und Politiker ist ja eigentlich eine ganz andere. Sie wollen sehr wohl durch ihre Arbeit positive Beiträge für das Zusammenleben der Menschen in unserem Staat und auf dieser Erde leisten. Warum gelingt das denn nicht in ausreichendem Maße? Warum muss das eigentlich gut gemeinte Engagement immer in dieses zerstückelte Wahrnehmen von Spezialinteressen zerfallen?

FW: Das liegt vor allem wahrscheinlich daran, dass wir nicht es nicht gewohnt sind, in Gesamtzusammenhängen zu denken, sondern eher in isolierten Interessen. Wir suchen zu sehr unseren eigenen Vorteil, wenn wir etwas machen. Unsere Gesellschaft ist vor allem ein Konglomerat von Lobbyisten, in deren Kreisen in erster Linie darüber nachgedacht wird, wie jeder in seine eigene Tasche wirtschaften kann. Das ist der primäre Impuls, der durch den Kapitalismus, das Privateigentum und so weiter gesteuert wird. Dann überlegt man eben zuerst, wie man sein eigenes Gewinninteresse gegenüber anderen konkurrierenden Interessen und Interessenten durchsetzen kann. Jeder glaubt, dass wenn die Macht im Sinne der Politik oder der Unternehmen auf seiner Seite ist, er seine eigenen Interessen am besten umsetzen kann. Unternehmen denken nicht in erster Linie darüber nach, wie sie die Interessen ihrer Kunden umsetzen können, sondern zuerst denken sie an die Interessen der Kapitaleigner an einer guten Rendite. Der Bedarf der Kunden wird solange instrumentalisiert...

PK: ...bis die Shareholder zufrieden sind.

FW: Genau oder bis ein von der Rendite her lohnenderes Projekt gefunden ist! Man sieht in den Unternehmen vor allem darauf, dass möglichst viel Geld in der Tasche der Manager oder der Aktionäre landet. Dadurch wird der eigentliche Impuls, dem Bedarf zu dienen, deformiert. Das Geld, bzw. der Umgang damit, wie ich ihn jetzt beschrieben habe, steht dem Impuls des Unternehmers im Schumpeter`schen Sinne, nämlich der Erfinder, der für einen bestimmten Bedarf eine geniale Lösung findet und diese für den Konsumenten erschwinglich anbietet, im Wege. Ein Unternehmer folgt in seinem Tun idealerweise seiner Berufung, eben genau das tun zu wollen, was gut kann. Er will ein Bedürfnis befriedigen durch den Einsatz seiner Fähigkeiten und dieser Impuls wird durch die kapitalistische Geldwirtschaft fehl gesteuert. Die Frage stellt sich also, wie es den Unternehmern wieder uneingeschränkt möglich wird, ihrer Berufung zu folgen und wie das Geld wieder auf seine eigentliche, dem Wirtschaftsprozess dienende Funktion als Tauschmittel reduziert werden kann.

Ich glaube, wir sind heute kulturell auf dem Höhepunkt der Sehnsucht des Menschen, sich im Gegenständlichen auszudrücken, angekommen. Jetzt geht es um den Menschen selbst und nicht mehr um die Dinge, die er herstellt. Und der Mensch ist kein Einzelwesen, sondern ein soziales Wesen, deshalb stehen wir am Übergang des Individualismus und des privatkapitalistischen Unternehmertums zu einer neuen Form.“

Frank H. Wilhelmi in der Zeitschrift „Oya“, Ausgabe 03/2010

 

 

Das Geld steht auch zwischen dem Unternehmer und dem Konsumenten, wenn dieser die erbrachte Leistung nicht empfangen kann, weil er kein Geld hat, sich das Gut anzueignen. Umgekehrt ist es natürlich auch problematisch, dass unternehmerische Initiativen verhindert werden, d.h. die Konsumenten nicht erreichen können, weil ihre unternehmerische Initiative nicht mit Geld versorgt wird, obwohl ein Bedarf besteht.

PK: Oder auch darum eine Beschränkung der Unternehmer stattfindet, weil – und da sind wir wieder bei den Shareholdern – das Kapital von Interessen begleitet wird, die nicht zu denen des Unternehmers im Sinne seines eigentlichen Auftrags, im Sinne seiner Berufung passen.

Wir sehen also jetzt, dass die einseitige, ich möchte mal sagen „egoistische“ Orientierung am eigenen Vorteil vom Konsumenten, über den Unternehmer bis hin zum Kapitalgeber reicht. Dann stellt sich doch die sofort sehr bedrückende Frage, inwieweit es dem Unternehmer überhaupt noch möglich ist, die „Welt“ mit seinem Geist, mit seinen Ideen im guten Sinne zu durchdringen? Wenn jemand eine Idee hat, die er als Unternehmerin oder Unternehmer realisieren will, braucht er Geld. Und weil er dieses Geld nicht hat und Kapitalgeber ihm zu weit gehende Kompromisse abverlangen, was seinen unternehmerischen Impuls betrifft, kann er diese seine Idee, die seiner innersten Berufung entspricht nicht realisieren.

FW: Das ist die Tragödie oder mit Alice Miller gesprochen „das Drama des begabten Kindes“. Da stößt ein Unternehmer an die Grenzen, an die Systemgrenzen, wenn er versucht aus seiner Berufung zu handeln. Er wird durch die Ideologie des Kapitalismus an der Verwirklichung seiner unternehmerischen Idee gehindert. Die Form der Geldwirtschaft stellt sich dem Impuls aus der Liebe zur Sache, aus Hingabe an die Aufgabe (Produktion) und aus reiner Sorgfalt in der Bearbeitung des Bedarfs (Konsumtion) zu handeln in den Weg.

PK: Eine Karriere wie im letzten Jahrhundert, vom Tellerwäscher bis zum Millionär ist heutzutage so nicht mehr möglich. Es ist einem Menschen ohne Kapital gar nicht mehr möglich, den Markt aus eigener Kraft soweit zu durchdringen, dass er weitreichenden Erfolg hat, wenn er sich nicht mit hochkarätigen Kapitalgebern zusammen tut. Und dann steckt er unter Umständen wieder in der Falle, in der er dazu gezwungen wird, egoistische Interessen der Kapitalgeber mit seiner Unternehmensidee zu verbinden, obwohl er das eigentlich gar nicht will.

FW: Das stimmt nicht ganz so, aber der besagte Tellerwäscher oder Softwareentwickler, der in der stillen Kammer ein geniale Idee ausbrütet muss auf dem Wege der Finanzierung und Vermarktung früher oder später auf die Gesetze der Finanzwirtschaft und die Zwänge der Gesetze über geistiges Eigentum stoßen, die ihm in Bezug auf die unternehmerische Aufgabe auf fragwürdige Wege führen, die den Zugang möglichst vieler Menschen zu seinem Produkt nicht unbedingt befördern.

Andererseits kann der Tellerwäscher durch eine geschickte Verwertung der Gesetze des Kapitalismus auch mit Produkten Millionär werden, die niemand wirklich braucht. Auch darauf muss man mal sehen.

Ich glaube, es geht nicht um einen „Kapitalismus 3.0“, sondern um ein ganz anderes Menschenbild. Die Urfrage der Produktion ist doch: Was brauche ich überhaupt? Am wirtschaftlichsten ist eigentlich, möglichst wenig zu verbrauchen. Je weniger ich konsumiere, je weniger Zeit und Kraft ich darauf verwenden muss, Konsumgüter für meinen Lebensunterhalt herzustellen, desto mehr Zeit bleibt, sich der Frage nach dem Lebenssinn zuzuwenden. Ich denke, wir können nur aus einer solchen Perspektive zu neuen Formen des Wirtschaftens finden.“

Frank H. Wilhelmi in der Zeitschrift „Oya“, Ausgabe 03/2010

 

PK: Vorher wird der Markt aber gekauft. Es gibt ja einige Beispiele dafür, wie man sich mit vielen Millionen einen Markt kaufen kann. Da bietet man dann Produkte an, die niemand wirklich braucht, erreicht aber hohe Absatzzahlen, einfach weil man sich durch geschickte Marketingmaßnahmen das „nive-to-have-Gefühl“ erkauft hat, aus dem heraus die Kunden dann kaufen. Da kann jemand eine Kolbenrückholfeder oder eine Tankinnenbeleuchtung erfinden, wenn er genügend Geld ins Marketing investiert, wird es ihm gelingen, so einen Blödsinn in großer Stückzahl zu vermarkten. Die Menschen denken irgendwann, dass sie „es“ einfach haben müssen und dann kaufen sie.

FW: Es versteht eine bestimmte Gruppe von Unternehmern sehr gut, das herrschende System zu ihrem und dem Vorteil ihrer Kapitalgeber auszunutzen. Ich nenne das eine Verwertungshaltung, die ja auch die deformierten Interessen der Konsumenten ausnutzt. In diese Deformation sind ja bereits Milliarden investiert worden, man hat diese Situation mit sehr viel Geld selbst geschaffen.

Ich möchte das auch nicht verurteilen, aber wir sollten zumindest an der Lernkurve arbeiten und ehrlich sagen, welche Fehler wir leider immer noch machen – und da sollte jeder bei sich selbst beginnen. Kollektive Rechtsnormen können wir jedoch nur gemeinsam verändern und dazu bedarf es der Aufklärung und Einsicht.

PK: Jetzt müssen wir aber auch mal in eine andere Richtung schauen. Es ist muss doch möglich sein, zum Beispiel Konsumenten und Produzenten so miteinander zu vernetzen, dass die Alternative zum sonst üblichen System möglich wird. Es könnten sich so viele Menschen mit kleinen Beträgen zusammen tun, dass es möglich wird, Unternehmern unabhängig vom Ertragsdruck knallharter Kapitalgeber eine Chance zu geben. Wie könnte so etwas gehen?

FW: Das könnte gehen, indem man erstmal kleinere Projekte schafft, mit denen man das ausprobiert. Diese kleineren Projekte könnte man dann auf geeignete Weise vorstellen und die gemachten Erfahrungen kommunizieren. Die alternativen Optionen würden so überhaupt erstmal wahrnehmbar werden. Unternehmer könnten erkennen, dass es möglich ist, aus einer neuen Freiheit heraus zu handeln und wir könnten gemeinsam neue Formen der Kreditierung entdecken, in denen andere Unternehmensformen und andere Produkte entstehen. Man könnte anhand der Ergebnisse – der Qualität der Produkte die Unterschiedlichkeit der Prozesse ihres Zustandekommens erkennen und auf diese Weise alternative Währungen und neue Gestaltungsansätze eines zukünftigen Arbeitsbegriffes entwickeln. Man würde Unternehmern und Konsumenten die gelungenen Beispiele vor Augen führen und zeigen, dass es Alternativen gibt. Dann kann der Kunde entscheiden – vorausgesetzt es steht ihm die Währung zur Verfügung, um dieses Recht auszuüben. Es muss nicht sein, dass ein unternehmerischer Impuls in den Systemgrenzen zerrieben wird. Das würde man dann zeigen und so Freiheit – die Möglichkeit über mehr als eine Option zu verfügen - ermöglichen.

PK: Es müsste doch auch Wege geben, auf denen unabhängig von Banken Finanzierungen von Unternehmensideen möglich werden.

FW: So etwas funktioniert ja schon, wenn man darauf schaut, wie viele Unternehmer von Verwandten und Freunden gefördert werden. Sie bekommen vielleicht kein Geld von den Banken, aber schaffen es trotzdem, aus ihrem Umkreis die erforderlichen Mittel aufzubringen, weil Sie es schaffen durch ihre unternehmerische Idee und ihre Begabungen andere Menschen zu gewinnen. In Indien zum Beispiel können zum Beispiel Unternehmer mit fünf Kunden zur Bank gehen und wenn diese zukünftigen Abnehmer sagen, dass sie in den nächsten Monaten oder Jahren die Produkte bei dem betreffenden Unternehmer einkaufen werden auf diese Weise Kredite erhalten. Diese Kredite haben extrem niedrige Ausfallquoten. Das ist so einfach und funktioniert auch wenn es in diesem Fall ein Mikrokredit ist. Das ist Kreditvergabe aufgrund von Vertrauen und unternehmerischer Kompetenz ausgewiesen durch den Bedarf.

PK: Spielen wir das mal konkret durch. Da könnte jemand sein, der eine gute unternehmerische Idee hat, für deren Umsetzung er 100.000 Euro braucht. Er will meinetwegen Wein anbauen. Und dann fragt er herum und erfährt von vielen Menschen, dass sie seine Idee gut finden und davon sogar so überzeugt sind, dass sie seinen Wein auch kaufen würden. Nun sagt er, dass er für die Umsetzung erstmal 100.000 Euro braucht, die er aber nicht hat. Dann sagen ihm die vielen Menschen, dass sie die 100.000 Euro auch nicht haben. Es wäre aber doch möglich, dass viele Menschen in kleinen Beträgen zur Umsetzung der Idee beitragen. In der Summe kommt er dann vielleicht auf die benötigten 100.000 Euro, wenn 200 oder 300 Menschen sich zusammen tun. Die Schwierigkeit besteht doch aber darin, dass es nicht einfach ist, so etwas zu organisieren. Wie und auf welcher Grundlage könnte man denn die vielen kleinen Beträge einsammeln und verwalten?

FW: In vielen Business Angel Netzwerken funktioniert das schon. Wenn jemand eine gute unternehmerische Idee vorschlägt und 100.000 Euro braucht, dann würden wir als Business Angels gegebenenfalls das Geld zusammenlegen, um uns danach damit an dem Unternehmen zu beteiligen. Wir sind zwar nicht so viele Menschen, wie in Ihrem Beispiel, aber das Prinzip funktioniert so, wie Sie das beschrieben haben.

Im größeren Maßstab, also mit sehr vielen Menschen könnte man das nur machen, wenn man den Anforderungen genügt, die der Gesetzgeber für Banken aufgestellt hat. Man würde ja ein bankähnliches Geschäft betreiben.

PK: Aber genau um die größere Zahl beteiligter Menschen ging es mir in dem Beispiel besonders. Da entsteht doch eine ganz andere soziale Relevanz, wenn es nicht fünf oder zehn Menschen sind, die ein benötigtes Kapital aufbringen, sondern meinetwegen 100. Das ist eine ganz andere soziale Plastik, die da entstehen kann, denn neben dem monetären Kapital kommt dem Unternehmer ja auch geistiges Kapital zu. 100 Menschen könnten auch mehr konsumieren und weitreichender als Multiplikatoren wirken, als wenn es nur zehn Menschen sind, die mitmachen. Ich meine wirklich die kleinen Beträge, die zusammen die erforderliche große Summe ergeben. Oder ist das aus ökonomischen Gründen nicht möglich, weil sich zum Beispiel der Verwaltungsaufwand im Verhältnis zu kleinen Beträgen nicht lohnt?

FW: Auch das existiert in anderen Zusammenhängen. Zum Beispiel in Stiftungen oder gemeinnützigen Unternehmen. Bei Greenpeace zum Beispiel, da finanzieren tausende Menschen mit sehr kleinen Beiträgen die Aufgaben und Projekte.

PK: Da sind Sie aber im gemeinnützigen Bereich. Stiftungen dürfen sich nicht an Wirtschaftsunternehmen beteiligen und selbst kleine Zuwendungen an Wirtschaftsunternehmen müssen von denen versteuert werden. Umsatzsteuer fiele dann immer an.

FW: Dann könnte man den Gedanken der Gemeinnützigkeit zu Ende denken und von vornherein sagen, dass man nicht Geld gibt, um Renditen zu erwarten. Unternehmen könnte man von vornherein als gemeinnützig gründen. Erwirtschaftete Gewinne könnten immer sofort wieder zurück fließen. Man könnte vereinbaren, dass nichts davon entnommen werden kann, sondern dass alle Überschüsse im Unternehmen verbleiben, reinvestiert und nicht privat entnommen werden.

PK: Dann kommt aber das Finanzamt, wie bei einer Regionalwährung zum Beispiel tatsächlich geschehen, und entzieht dem Trägerverein den Status der Gemeinnützigkeit, weil gesagt wird, dass eine Regionalwährung kommerzielle Interessen verfolgt, weil sie ja faktisch die Wirtschaft unterstützt. Da liegt eine echte Schwierigkeit!

Also noch mal die Frage, die ich eben schon gestellt habe: Sind die Verhältnisse überhaupt noch so zu durchdringen, dass adäquate Unternehmensformen überhaupt noch entstehen können? Was würden Sie beispielsweise einem gewöhnlichen Verbraucher sagen, der ja auch erstmal an den eigenen Vorteil denkt, damit er die Bereitschaft findet, einem Unternehmen Geld zu schenken?

FW: Zum einen könnte man den Verbrauchern sagen, dass sie mit ihrer Zuwendung ein gesellschaftliches Engagement ausüben. Zum anderen sollte man sagen, was für ein Bedarf des Verbrauchers durch den Unternehmer gedeckt wird. Aus diesen beiden Gründen, es wird ein gesellschaftlich gestaltendes Engagement ausgeübt und es wird ein Bedarf befriedigt, der konkret vorhanden ist, kann ein Mensch einem Unternehmer Geld zuwenden, das dieser für sein Unternehmen verwendet.

PK: Würden Sie sich mit Ihrer Business Angel Gesellschaft hinter ein solches Unterfangen stellen, indem Sie das Unternehmen prüfen, den Verbrauchern sagen, dass alles in Ordnung ist und eine Unterstützung sinnvoll ist, um dann die vielen kleinen Beträge einzusammeln und dem Unternehmen zur Verfügung stellen?

FW: Das ist nicht der Ansatz dieser Beteiligungsgesellschaft, aber einige aus dem Kreis der Business Angels wirken durchaus an solchen Ideen und konkreten Modellen. Wir sind zum Beispiel mit 3 Geschäftleuten dabei, einen biologisch-dynamisch wirtschaftenden Bauernhof bei der Gründung einer Stiftung zu unterstützen, in die die Menschen dann Stiftungsgelder einzahlen können, um diese Form der nachhaltigen Bewirtschaftung zu fördern. Mit dem so zusammen gekommenen Geld sollen dann Flächen erworben werden, die dieser Form der Landwirtschaft gewidmet werden sollen und so der Sphäre des privaten Gewinninteresses entzogen werden. Als Dividende bekommen die Stifter dann von den Früchten, die auf dem Land gewachsen sind.

Es gibt bereits eine ganze Menge Menschen, die bereits auf dem Hof einkaufen und die als Stifter angesprochen werden können. Wir machen damit gute Erfahrungen, die Menschen auf die Möglichkeiten der direkten Unterstützung des Erzeugers, des Bauernhofes, anzusprechen. Die Leute kommen erstmal gar nicht auf die Idee, dass das möglich ist. Sie leben in guten Verhältnissen, investieren ihr Geld in irgendwelche Finanzderivate, aber dass sie direkt vor der Tür etwas ganz sinnvolles mit ihrem Geld machen können, indem sie es in diese Stiftung investieren, darauf muss man sie erstmal bringen.

PK: Sie sprechen wieder von Investition, aber Sie meinen doch eigentlich das Schenkgeld. Oder?

FW: Die wesensgemäße Bewirtschaftung des Bodens, eigene Saatgutzüchtung etc. kann man im Vergleich mit der industriellen Landwirtschaft (die aber horrende externe Kosten in Gestalt der Zerstörung der Natur und Kultur verursacht) nicht „profitabel“ machen. Aber die Vermarktung der erzeugten Produkte findet auch zu höheren Preisen einen Markt, da die Menschen die Qualität der Erzeugnisse und die Art und Weise, wie mit Pflanze, Tier und Mensch umgegangen wird unterstützen. Und so ist dieses Modell eben sehr wohl profitabel.

Aber das ist nur ein Beispiel für eine sorgfältige Wirtschaftsweise, die sich eine Weg durch die Unbilden des Rechts- und Finanzwesens gebahnt hat.

Man kann unterschiedliche Formen einer Beteiligung gestalten, je nachdem, welche Ziele und welche Begabungen es zu fördern gilt. Dafür müsste ein breitere Basis im Rechts- und Besteuerungswesen geschaffen werden, die die gemeinnützigen Ansätze in angemessener Weise würdigt.

Von der Seite der interessierten Förderer kann es Zuwendungen an eine Stiftung geben, aber auch solche, die ggf. verzinst werden. Man kann den interessierten Investoren verschiedene Möglichkeiten anbieten: den Landkauf, die Finanzierung der Saatgutzüchtung, die Landbauschule (Ausbildung) oder auch die Vermarktung der Produkte nach professionellen Gesichtspunkten. Bei letzterem kommt sogar eine Verzinsung heraus, die man über Genusscheine oder in Form von Naturalien (Brot, Milch, Gemüse) ausbezahlen kann. Hier hätten wir also eine komplementäre Währung vor uns.

PK: Warum schaffen Sie den Zins denn nicht einfach ab? Warum muss der Bauernhof denn Zinsen erwirtschaften?

FW: Es wäre möglich, das ohne Zinsen zu gestalten, aber das müsste aus der Freiheit der Menschen kommen. Ich kann nur aufzeigen worum es geht und welche Optionen es gibt. Dann entscheiden die Menschen selbst, aus ihrer Freiheit. Es geht mir nicht um Zwang oder darum, die jetzige Wirtschaftsweise in eine ideologische Ecke zu stellen, sondern darum andere Formen des Wirtschaftens zu ermöglichen und zu sehen, ob man dabei weniger Fehler machen muss.

Insofern geht es nicht, das irgendjemand sagt, dass der Zins abgeschafft werden muss, sondern die Frage ist, wo man ihn braucht. Dann kann jeder entscheiden, ob er ihn haben will oder nicht, aber ihn zum Zwang zu machen kann ich eben nicht akzeptieren. Wenn Menschen fragen, warum wir katastrophale Ernteausfälle haben und woher die Klimaveränderungen kommen, dann muss man die Zusammenhänge aufzeigen. Wenn wir das tun, erleben wir, wie selbst erfahrene Menschen aus dem etablierten Bankbereich und andere Unternehmer aus der Wirtschaft, auf den Hof kommen und erkennen, was für Bedingungen eine gesunde und solide landwirtschaftliche Arbeit benötigt. Aus dieser Einsicht, ergibt sich eine Freiheit, aus der heraus sich dann ein Bankmanager entscheidet, sein Geld für einen Eber in der Schweinzucht zu stiften.

PK: Können Sie ausdrücken, wie erfolgreich Sie sind? Wird es dem Bauernhof möglich, die gewünschten Schritte zu gehen? Kommen genügend Kapitalgeber zusammen?

FW: Wir sind schon ein ganzes Stück voran gekommen. Wir merken, dass - auch durch die Wirtschaftskrise – immer mehr Menschen darüber nachdenken, wie sie die Erde sinnvoll gestalten können. Ein Bauernhof ist ja auch ein Beispiel für einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf, in dem man ohne chemische Düngemittel oder manipuliertes Saatgut auskommt, und das die erzeugten Produkte direkt vor Ort, also regional verkauft werden. Das hat eine ungeheure Wirkung auf die Menschen. Sie sehen und erleben vor Ort, was sie sich unter einem sinnvollen Umgang mit der Erde vorstellen. Da ist der Bauernhof ein sehr gutes Beispiel, an dem man die Grundlagen und Kriterien für nachhaltiges Wirtschaften aufzeigen kann.



Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Alternativen schaffen“

ISBN 978-3-86931-837-0

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Gelesen 10921 mal Letzte Änderung am Freitag, 01 April 2011 15:14