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Sonntag, 02 Januar 2011 09:59

Johannes Heimrath: Neues Wirtschaftswunder

geschrieben von 

 

Die neue »Alles-wird-gut-Formel« heißt Social Business: Unternehmen werfen sozialen Gewinn ab und schreiben schwarze Zahlen. Schön. Ist das die neue Wirtschaft?

Der metastasierende Krebs der Finanzwirtschaft hebt seit kurzem den bis dato eher randständigen Begriff »Social Business« (»Unternehmen zum Zweck der Lösung eines gesellschaftlichen Problems«) als Therapeutikum gegen den Kollaps sogar in abendliche TV-Talkrunden hinein. Vor etwa zehn Jahren erkannten die ersten Unternehmen auch in Deutschland, dass ihre Gesellschaftsverantwortung nicht nur eine ständiger grüner Kritik unterworfene Last darstellte, sondern sich zum Marketingfaktor eignete. CSR – Corporate Social Responsibility – hat seither höchsten Rang. Das »High End« dieser Bemühung ist Social Business. Wikipedia bietet etwa folgenden Definitionsvorschlag an: Soziale Unternehmen sollen soziale und ökologische gesellschaftliche Probleme lösen. Das Konzept soll den Kapitalismus zukunftsfähig machen. Social Businesses unterscheiden sich von üblichen Unternehmen durch zwei Merkmale:

1.Ihre Zweckbestimmung ist ausschließlich auf die Lösung wichtiger sozialer Probleme ausgerichtet.

2.Bei Social Business verzichten die Investoren weitgehend auf spekulative Gewinne.

 

Fabriken zur Bekämpfung von Armut

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Mikrofinanz-Bankier Muhammad Yunus für sein Kreditprojekt zur Behebung der Armut in Bangladesch im Jahr 2006 löste weltweit den Beginn einer regelrechten Social-Business-Bewegung aus. In Deutschland lädt das Genisis-Institut jährlich zum Vision Summit ein, der weit über tausend sozial motivierte Unternehmerinnen und Unternehmer zusammenbringt. »Wir erleben ein weltweites soziales Wirtschaftswunder«, erklärt Muhammad Yunus.

Um dieses Wunder zu würdigen, werden Preise vergeben, so z. B. 2009 an die Grameen-Danone-Community. Hier hat sich Yunus mit dem Lebensmittelkonzern Danone zusammengetan, um in Bangladesch lokal produzierten, mit Vitamin A, Zink und Jod angereicherten Joghurt zum kleinen Preis herzustellen. Danone trug die Anfangsinvestition und verzichtet auf Gewinn. Es sollen 50 Joghurt-Fabriken im ganzen Land entstehen. Bauern bekommen einen Mikrokredit, um sich eine Kuh kaufen zu können, deren Milch die Fabrik abnimmt. Sogenannte Grameen-Ladies erwerben mit ihrem Mikrokredit eine Kühltasche, aus der sie den Joghurt an der Haustür verkaufen. Der Mangelernährung von Kindern wird abgeholfen. So weit, so gut.

Doch etwas stößt sauer auf: Erhielt nicht Danone letztes Jahr für ihr probiotisches Joghur-tprodukt »Actimel« den von Foodwatch vergebenen »Goldenen Windbeutel« für die dreisteste Werbelüge? Und wie hält es Danone mit der Gentechnik? Da steht ein roter Punkt im Greenpeace-Einkaufsführer …

In der letzten Ausgabe von Oya habe ich die Kategorie der »Lawinenverbauer« eingeführt (Oya 2, »Auf in die Post-Kollaps-Gesellschaft«). Sie versuchen, das Schlimmste zu verhindern, können aber den rutschenden Hang nicht aufhalten. Vor allem Großstrukturen wie internationale Konzerne tragen selbst mit dem bestgemeinten Sozial-anliegen aus systemischen Gründen dazu bei, die Chancen für eine nachhaltige, friedliche und lebensfördernde Welt nach dem Zusammenbruch zu verschlechtern. Das Danone-Beispiel erscheint lehrreich: Trotz guter Absichten beschert der eigentliche Output – wie man neudeutsch sagt – abhängige Produzenten, abhängige Verkäuferinnen und ein Heer von Käuferinnen und Käufern, die vom Selbermachenkönnen – und damit von einer gesteigerten Resilienz – weit entfernt bleiben.

 

Business heißt Wettbewerb

In der Erstausgabe von »enorm«, der Zeitschrift für Social Business, eine erfreuliche Neuerscheinung, spricht Johannes Merck, Direktor für Nachaltigkeit der Otto-Gruppe, über ein neues Social Business in Kooperation mit der Grameen-Bank: eine soziale Textilfabrik in Bangladesch. Interviewt von Kathrin Hartmann, der Autorin des erfrischenden Buchs »Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die LOHAS und Lifestyle-Ökos vereinnahmt«, antwortet er auf ihre Frage, warum sich auch diese Fabrik an den ortsüblichen Mindestlöhnen orientieren wird, zwar etwas mehr bezahlen will, aber nicht so viel, dass es für die Näherinnen wirklich existenzssichernd wäre: »Wenn wir doppelt so viel zahlen, sind wir teurer als die Konkurrenz und nicht mehr wettbewerbsfähig. Die Produkte werden nicht mehr gekauft. Das hilft den Menschen auch nicht. Die Regierungen in den Produktionsländern haben leider kein Interesse daran, die Mindestlöhne anzuheben.«

Geschäft bleibt eben Geschäft – das muss sich rechnen. Hier wird eine Problematik im Social-Business-Konzept erkennbar, dem vielleicht die Idee des »Social Entrepreneurship« abhelfen kann. »Eine Einengung auf die monetären Aspekte kann nicht Sinn der Sache sein, wollen wir die Kraft und Vielfalt von Social Entrepreneurship wirklich in Deutschland und anderswo befördern«, schreibt -Thomas Leppert in seinem Blog »Heldenrat«. Social Entrepreneurship wird seit den 60er Jahren im angelsächsischen Raum diskutiert und gefordert und hat nun auch bei uns akademische Weihen. Wo »Business« ein auf monetären Gewinn zielendes »Geschäft« meint, ist »Entrepreneurship« an die Person und ihren unternehmerischen Impuls geknüpft. Business ist das Ergebnis von Abmachungen, Entrepreneurship der Ausdruck von Fähigkeiten – »Unternehmergeist«. Business braucht Wettbewerb mit Siegern, Entrepreneurship gedeiht am besten in einem Klima ermutigter und sich selbst ermächtigender Akteure, deren Erfolg darin besteht, auch den Schwächsten zu selbstbestimmter Leistung zu befähigen. Entrepreneurship hat Aufforderungscharakter und beinhaltet den egalitären Impuls: »Komm, pack mit an, gemeinsam schaffen wir’s!«

Social Business richtet sich auf die Milderung schmerzhafter Zustände, Social Entrepreneurship rüttelt an den Fundamenten, ermutigt zur Gewinnung von Autonomie und ermächtigt zur (R)Evolution.

Selbstverständlich ist die Wirklichkeit keineswegs so schematisch, und die Grenzen zwischen beiden Konzepten sind fließend. Dennoch lohnt es sich, in den Geschmack der Wörter und Begriffe hineinzuspüren.

Wandel durch Unternehmergeist

Ashoka, eine internationale Organisation zur Förderung von Social Entrepreneur-ship, legt Wert darauf, dass zukunftsweisende un-ternehmerische Lösungen immanent systemverändernd wirken. So genügt die Gründung eines einzelnen integrativen Kindergartens nicht, wenn dahinter nicht der Wille und die Kraft stecken, ein weit gespanntes Netzwerk zwischen Familien mit schwerkranken oder behinderten Kindern und Menschen, die diesen Familien ihre Zeit schenken, aufzubauen – ein Beispiel, das der Verein »Nestwärme« realisiert.

Ob sich ein Projekt wirtschaftlich tragen kann oder nicht, ist für Social Entrepreneurship nicht das Entscheidende. Selbstredend muss es funktionieren – sei es über Erträge, ehrenamtliches Engagement, Spenden oder Förderungen. Unternehmerisch tätig zu sein, bedeutet keineswegs eine Kommerzialisierung des Anliegens. Freilich ist es wunderbar, wenn ein gemeinwohlorientiertes Projekt wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen kann und nicht am Tropf von Förderinstitutionen oder Sponsoren hängt. Aber Gewinn lässt sich nur mit etwas erzielen, das sich auf dem Markt verkaufen lässt. Und nicht jeder soziale Mehrwert hat einen Marktwert. Darüber denken auch die Organisatoren von Ashoka Deutschland nach und wissen: -»Ashoka Fellow Judy Korn, die mit straffälligen Jugendlichen im Gefängnis arbeitet, wird es schwerer haben, Einkommen mit ihrer Zielgruppe zu generieren, als Ashoka Fellow Franz Dullinger, der Kommunen hilft, sich unternehmerisch zu betätigen, und der einen Regionalentwicklungsfonds gegründet hat, der eine kleine Rendite erwirtschaftet«.

Hierzulande ist Social Entrepreneurship bisher ein eher leises Phänomen. Sozialunternehmerinnen und -unternehmer, die wirklich systemverändernd wirken wollen, brauchen viel Fantasie und Durchhaltevermögen. Das Problem ungenügender Finanzierbarkeit sinnvoller Arbeit ist und bleibt im kapitalistischen System immanent unlösbar.

Ermutigend ist, dass die verwandten Bewegungen für Social Business und Social Entrepreneurship sich gegenseitig befördern. So schreibt Peter Spiegel, Leiter des Genisis-Instituts und Initiator des Vision Summits: »Alle Aktivitäten für eine intelligentere Verknüpfung von Ökonomie und gesellschaftlicher Verantwortung – CSR, Social Entrepreneurship, Eco Business und Social Business – integrieren sich zu einer wesentlich stärkeren Bewegung.« Soll das jedoch nicht in bloße »Lawinenverbauung« münden, braucht es weitere Post-Kollaps-Brücken: zur Subsistenz-Perspektive, zu sämtlichen Facet-ten solidarischer Ökonomie, zur Gemeinschafts- und Transition-Town-Bewegung, zur Diskussion über die Gemeingüter oder ein Grundeinkommen, zur Regiogeld-Bewegung, kurz, zu allen Strömungen, die das »Geschäft« in den Hintergrund treten lassen und bedingungslos Sozialität entfalten, schlicht, weil sie notwendig und uns eingeboren ist.

Vielleicht führt das irgendwann zu Strukturen, in denen jede und jeder, die und der etwas für die Menschheit und die Planetin Erde Sinnvolles zu ihrem und seinem Lebens-Unternehmensprojekt machen will, dafür alle Unterstützung von der Gemeinschaft bekommt. Das wäre dann ein wahres (Wirtschafts-)Wunder.



Entnommen aus:

Peter Krause (Hrsg.)

Anders: Alternativen schaffen“

ISBN 978-3-86931-837-0

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Gelesen 13315 mal Letzte Änderung am Montag, 18 Februar 2013 13:19